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Herzinfarkt-Symptome bei Frauen: was stimmt und was schadet

⏱ 9 Min. LesezeitKategorie: Themen-RatgeberAktualisiert: 20.09.2026
Herzinfarkt-Symptome bei Frauen: was stimmt und was schadet
Kurz beantwortet: Auch bei Frauen ist Brustschmerz das häufigste Herzinfarkt-Symptom — die verbreitete Aussage, Frauen hätten keinen Brustschmerz, ist durch die MEDEA-Studie der Deutschen Herzstiftung widerlegt; fehlender Brustschmerz ist vor allem ein Alterseffekt. Bei Frauen kommen häufiger zusätzliche Symptome hinzu: Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen, Schwindel, unerklärliche Müdigkeit, Schmerzen im Oberbauch, Rücken, Nacken oder Kiefer. Halten Beschwerden länger als fünf Minuten an und bessern sich in Ruhe nicht: sofort 112 wählen.

Ältere Frauen brauchen nach der MEDEA-Studie im Schnitt über viereinhalb Stunden bis zur Notaufnahme — länger als jede andere Gruppe. Der Grund ist seltener ein ungewöhnliches Symptom als die Entscheidung, noch abzuwarten.

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Über kaum ein medizinisches Thema kursieren so viele gut gemeinte Vereinfachungen wie über den „weiblichen Herzinfarkt“. Manche davon sind hilfreich, eine ist gefährlich. Dieser Ratgeber trennt beides anhand der Quellen — und erklärt am Ende, warum ein Defibrillator beim Herzinfarkt in aller Regel nicht die richtige Antwort ist.

Die klassischen Herzinfarkt-Symptome

Die Deutsche Herzstiftung beschreibt das Leitsymptom als „heftigen Druck oder ein sehr starkes Einschnürungsgefühl im Brustkorb — so, als würde ihnen ein Elefant auf der Brust stehen“. Der Schmerz sitzt überwiegend hinter dem Brustbein und kann in Arme, Oberbauch, Rücken, Hals, Kiefer oder Schulterblätter ausstrahlen.

Das IQWiG nennt als Begleiterscheinungen Luftnot, Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen, Blässe und ein Schwächegefühl. Der MSD Manual beschreibt den Schmerz fachlich als „tiefen, retrosternalen viszeralen Schmerz, der von den Patienten oft als Druck oder Brennen beschrieben wird“.

Die Fünf-Minuten-Regel. Deutsche Herzstiftung und IQWiG stimmen überein: Halten die Beschwerden länger als fünf Minuten an und bessern sich in Ruhe nicht, ist sofort der Notruf 112 zu wählen. Nicht den Hausarzt anrufen, nicht Angehörige suchen, nicht selbst fahren.

Was bei Frauen häufiger anders ist

Die Deutsche Herzstiftung formuliert es so: Bei Frauen können „zusätzlich zu den oben genannten Schmerzen oder auch alleine“ weitere Symptome auftreten — „Atemnot, Übelkeit oder Erbrechen, Schwitzen, Benommenheit oder Schwindel sowie unerklärliche Müdigkeit“. Genannt werden außerdem ein Ziehen in den Armen, Abgeschlagenheit, Angstzustände und Schmerzen im Oberbauch oder zwischen den Schulterblättern.

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie ergänzt: „Bei Frauen sehen wir häufiger eine Ausstrahlung in den Hals- und Kieferbereich. Auch Rückenschmerzen sind bei ihnen relativ häufig.“ Frauen berichten Beschwerden zudem häufiger in Ruhe, Männer eher unter Belastung.

Das medizinische Nachschlagewerk AMBOSS fasst die klinische Konsequenz zusammen: „Insb. bei Frauen, Personen mit Diabetes mellitus und/oder chronischer Nierenerkrankung sowie älteren oder herzoperierten Menschen können andersartige, unspezifische Symptome die Diagnose eines Myokardinfarktes erschweren.“

Der MSD Manual nennt einen zweiten, unbequemen Befund: „Bei Frauen treten eher atypische Brustbeschwerden auf; aber auch wenn sie typische Symptome aufweisen, wird ein Myokardinfarkt bei ihnen häufiger nicht erkannt.“

SymptomVorkommen
Druck, Enge oder Brennen hinter dem BrustbeinHäufigstes Symptom bei beiden Geschlechtern
Ausstrahlung in Arme, Rücken, OberbauchBei beiden; Hals, Kiefer und Rücken bei Frauen häufiger
AtemnotBei Frauen häufiger, teils statt des Brustschmerzes
Übelkeit, ErbrechenBei Frauen häufiger berichtet
Unerklärliche Müdigkeit, AbgeschlagenheitBei Frauen häufiger berichtet
Schwindel, Benommenheit, AngstzuständeBei Frauen häufiger berichtet
Kalter Schweiß, BlässeBei beiden Geschlechtern

Der Mythos, der Zeit kostet: „Frauen haben keinen Brustschmerz“

Diese Aussage steht in vielen Ratgebern. Sie ist in dieser Form falsch — und ausgerechnet die Deutsche Herzstiftung, die sonst für die Aufklärung über weibliche Symptome wirbt, widerspricht ihr ausdrücklich.

Die von ihr geförderte MEDEA-Studie „widerlegt die verbreitete Annahme, dass Brustschmerz bei Frauen häufig fehlt“. Studienleiter Prof. Karl-Heinz Ladwig fasst das Ergebnis so zusammen: „Je älter, desto weniger Brustschmerz.“ Das Fehlen von Brustschmerz sei „ein Alterseffekt und nicht typisch weiblich“ — ältere Männer zeigen ihn ebenso oft nicht. Auch bei Übelkeit und Erbrechen fand die Studie keine Geschlechtsunterschiede.

Die internationalen Zahlen zeigen dasselbe Bild. In der VIRGO-Studie an Patientinnen und Patienten zwischen 18 und 55 Jahren hatten 87,0 Prozent der Frauen und 89,5 Prozent der Männer Brustschmerz. Im großen US-Register NRMI mit über 1,1 Millionen Fällen präsentierten sich 42,0 Prozent der Frauen ohne Brustschmerz — umgekehrt hatten also 58 Prozent der Frauen sehr wohl Brustschmerz; der Unterschied zu den Männern (30,7 Prozent) schwächt sich mit steigendem Alter ab.

Warum das praktisch wichtig ist: Wer glaubt, ein Herzinfarkt bei Frauen zeige sich nicht durch Brustschmerz, schiebt bei genau diesem Symptom den Verdacht weg. Die richtige Formulierung lautet: Brustschmerz ist auch bei Frauen das häufigste Symptom, er wird bei ihnen aber häufiger von weiteren Symptomen begleitet oder weniger dominant erlebt.

Der Vollständigkeit halber: Unabhängig vom Geschlecht verläuft nach dem MSD Manual etwa ein Drittel der Herzinfarkte ohne Brustschmerz; besonders betroffen sind ältere Menschen, Menschen mit Diabetes und Menschen mit bekannter Herzerkrankung.

Die eigentliche Lücke: die Zeit bis zum Notruf

Die MEDEA-Studie (619 Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkt, DZHK gemeinsam mit dem Helmholtz Zentrum München und der TU München) hat gemessen, wie lange es vom Symptombeginn bis zur Notaufnahme dauert:

GruppeZeit bis zur Notaufnahme
Frauen über 65 Jahreüber 4,5 Stunden
Männer über 65 Jahrerund 3,5 Stunden
Männer unter 65 Jahregut 3 Stunden
Frauen unter 65 Jahreknapp 2,5 Stunden

Warum gewartet wird — und was das kostet

Der aufschlussreichste Befund der Studie ist ein anderer: „Die Abwesenheit von Brustschmerz hatte nur einen geringen Effekt auf die Entscheidungszeit.“ Die Verzögerung entsteht also nicht in erster Linie durch ungewöhnliche Symptome, sondern durch die Bewertung der Situation. Ladwig zitiert den typischen Gedanken: „Das wird schon wieder besser, da muss ich doch jetzt nicht den Notarzt rufen.“

Der MSD Manual beziffert, worum es in dieser Zeit geht: „Die Hälfte der Todesfälle aufgrund von Herzinfarkt geschehen in den ersten drei oder vier Stunden nach Eintreten der Symptome.“ Die Stunden, in denen gewartet wird, sind exakt die Stunden, in denen die meisten Menschen sterben.

Bei der Sterblichkeit lohnt eine Unterscheidung, die oft verwischt wird. Absolut sterben in Deutschland mehr Männer am Herzinfarkt: 2023 waren es nach dem Deutschen Herzbericht 43.839 Menschen, davon 26.411 Männer und 17.428 Frauen. Pro Infarkt ist die Sterblichkeit in mehreren Altersgruppen jedoch bei Frauen höher: Das KORA-Herzinfarktregister Augsburg weist für 55- bis 59-Jährige eine 28-Tage-Letalität von 38,2 Prozent bei Frauen gegenüber 31,1 Prozent bei Männern aus, bei den 65- bis 69-Jährigen 45,9 gegenüber 40,0 Prozent.

Der Herzinfarkt ist damit keine Männerkrankheit. Er trifft Frauen im Schnitt später im Leben, wird bei ihnen häufiger zu spät behandelt und verläuft pro Ereignis eher schwerer.

Herzinfarkt ist nicht Herzstillstand — und wann ein AED zum Einsatz kommt

Diese Unterscheidung wird im Alltag ständig vermischt, und sie entscheidet darüber, was zu tun ist.

Ein Herzinfarkt ist eine Durchblutungsstörung: Ein Gefäß, das Herzmuskelgewebe versorgt, ist verschlossen. Die Person ist dabei in aller Regel bei Bewusstsein und spricht mit Ihnen. Ein Herzstillstand bedeutet, dass das Herz kein Blut mehr pumpt — die Person wird bewusstlos und atmet nicht normal.

Der MSD Manual formuliert die Beziehung beider Ereignisse präzise: „Ein Herzinfarkt kann zu einem Herzstillstand führen, aber nicht jeder Herzstillstand wird durch einen Herzinfarkt verursacht“ — und ausdrücklich: „Ein Herzinfarkt kann zwar einen Herzstillstand hervorrufen, aber meistens ist dies nicht der Fall.“

Was das für Ersthelfer bedeutet.
Person ansprechbar, Brustschmerz, Atemnot, Übelkeit: Verdacht auf Herzinfarkt. 112 rufen, Oberkörper erhöht lagern, beengende Kleidung öffnen, bei der Person bleiben. Ein AED wird hier nicht eingesetzt.
Person reagiert nicht und atmet nicht normal (auch bei Röcheln oder Schnappen): Herzstillstand annehmen. 112, sofort Herzdruckmassage, AED holen und anschließen.

Die Deutsche Herzstiftung beschreibt den Übergang zwischen beiden Situationen: „Verliert der Patient bei einem Herzinfarkt plötzlich das Bewusstsein, besteht in den meisten Fällen Kammerflimmern.“ Und für genau diesen Fall gilt: „Sofern aber Kammerflimmern vorliegt, kann dies nur durch den Einsatz des AED beseitigt werden.“

Wie man erkennt, dass aus einem Notfall ein Herzstillstand geworden ist, beschreibt Schnappatmung und Röcheln. Welche Rhythmen der AED beenden kann, erklärt Defibrillierbare Rhythmen.

Häufige Fragen

Haben Frauen bei einem Herzinfarkt wirklich keine Brustschmerzen?
Doch. Die MEDEA-Studie der Deutschen Herzstiftung widerlegt diese Annahme ausdrücklich: Fehlender Brustschmerz ist vor allem ein Alterseffekt und nicht typisch weiblich. In der VIRGO-Studie hatten 87 Prozent der Frauen unter 55 Jahren Brustschmerz. Bei Frauen kommen häufiger zusätzliche Symptome hinzu.
Welche Symptome sollten Frauen besonders ernst nehmen?
Neben Druck oder Enge im Brustkorb vor allem Atemnot, Übelkeit und Erbrechen, Schwitzen, Schwindel, unerklärliche Müdigkeit sowie Schmerzen im Oberbauch, Rücken, Nacken oder Kiefer. Halten Beschwerden länger als fünf Minuten an und bessern sich in Ruhe nicht, gilt der Notruf 112.
Warum rufen Frauen später den Notruf?
Nach der MEDEA-Studie brauchen Frauen über 65 im Schnitt über viereinhalb Stunden bis zur Notaufnahme. Der Hauptgrund sind nicht ungewöhnliche Symptome — die Studie fand, dass fehlender Brustschmerz die Entscheidungszeit nur wenig beeinflusst. Entscheidend ist die Bewertung der Lage, also das Abwarten.
Sterben mehr Frauen oder mehr Männer am Herzinfarkt?
Beides stimmt, je nach Kennzahl. Absolut starben 2023 in Deutschland 26.411 Männer und 17.428 Frauen am akuten Herzinfarkt. Bezogen auf das einzelne Infarktereignis ist die Sterblichkeit in mehreren Altersgruppen bei Frauen höher — das KORA-Register weist bei 65- bis 69-Jährigen 45,9 Prozent gegenüber 40,0 Prozent aus.
Hilft ein Defibrillator bei einem Herzinfarkt?
Nur dann, wenn der Herzinfarkt in einen Herzstillstand übergeht — also wenn die Person bewusstlos wird und nicht normal atmet. Solange sie ansprechbar ist, wird kein AED eingesetzt, sondern der Notruf 112 gewählt und die Person betreut. Nach dem MSD Manual führt ein Herzinfarkt meistens nicht zum Herzstillstand.
Darf ich die Betroffene selbst ins Krankenhaus fahren?
Nein. Der MSD Manual ist hier deutlich: Der sofortige Transport mit dem Rettungs- oder Notarztwagen kann lebensrettend sein, und der Versuch, zuerst Hausarzt, Verwandte oder Nachbarn zu erreichen, ist eine gefährliche Zeitverschwendung. Im Rettungswagen kann sofort behandelt werden, im eigenen Auto nicht.

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Quellen & weiterführende Informationen

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische, rechtliche oder betriebsorganisatorische Beratung. Inhaltlicher Stand: 20.09.2026.

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